Eine differenzierte Betrachtung
Die Begriffe Hochsensitivität und Hochsensibilität werden im Alltag häufig gleichgesetzt. Beide beschreiben Menschen, die Reize intensiver wahrnehmen und verarbeiten als der Durchschnitt. Dennoch stammen die Begriffe aus unterschiedlichen Kontexten, betonen verschiedene Ebenen von Wahrnehmung und sollten – gerade in einem reflektierten, fachlichen Rahmen – sauber voneinander unterschieden werden.
Diese Differenzierung dient nicht der Abgrenzung oder Hierarchisierung, sondern der Klarheit. Sie hilft, unterschiedliche Erfahrungsräume besser zu verstehen und Missverständnisse zu vermeiden.
Hochsensibilität (Highly Sensitive Person – HSP)
Der Begriff Hochsensibilität ist wissenschaftlich klar verortet. Er geht maßgeblich auf die amerikanische Psychologin Elaine N. Aron zurück, die das Persönlichkeitsmerkmal der Sensory Processing Sensitivity (SPS) beschrieben hat.
Hochsensibilität bezeichnet eine erhöhte Empfindlichkeit der klassischen Sinnesverarbeitung, verbunden mit einer tieferen kognitiven und emotionalen Verarbeitung von Reizen. Hochsensible Menschen nehmen über die fünf bekannten Sinne – Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten – mehr Details auf und verarbeiten diese intensiver.
Typische Merkmale hochsensibler Menschen sind:
- stärkere Reaktion auf Geräusche, Licht, Gerüche und visuelle Reize
- hohe Feinfühligkeit für emotionale Stimmungen und Zwischentöne
- tiefgehende Verarbeitung von Informationen
- schnelle Überstimulation bei hoher Reizdichte
- ausgeprägtes Bedürfnis nach Rückzug und Regeneration
Hochsensibilität ist kein Krankheitsbild, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal, das bei etwa 15–20 % der Bevölkerung vorkommt. Neurowissenschaftlich wird davon ausgegangen, dass hochsensible Menschen Reize weniger stark filtern und daher umfassender verarbeiten. Diese Tiefe kann zu großer Empathie, Kreativität und Verantwortungsbewusstsein führen, aber auch zu Erschöpfung, wenn Rahmenbedingungen nicht stimmig sind.
Zentral ist:
Hochsensibilität bezieht sich nicht auf „mehr fühlen, weil man emotional instabil ist“, sondern auf eine andere Art der Reizverarbeitung.
Hochsensitivität
Der Begriff Hochsensitivität ist weniger eindeutig wissenschaftlich definiert und wird in verschiedenen Kontexten unterschiedlich verwendet. Er findet sich vor allem in:
- pädagogischen,
- psychologischen,
- spirituellen
- und erfahrungsorientierten Beschreibungen.
Hochsensitivität wird häufig als erweiterte Wahrnehmungsoffenheit verstanden, die über die klassischen fünf Sinne hinausgeht. Neben Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten werden hier oft weitere Wahrnehmungsebenen beschrieben, etwa:
- ein feiner Temperatursinn
- ein ausgeprägter Gleichgewichtssinn
- intensive Körperwahrnehmung (Interozeption)
- erhöhte Sensibilität für Bewegungen und Dynamiken im Raum
- stark ausgeprägte Wahrnehmung von Sprache, Tonfall und Bedeutung
- tiefe gedankliche Reflexion und Sinnsuche
In manchen Beschreibungen umfasst Hochsensitivität auch außersinnliche oder transpersonale Wahrnehmungen, etwa das Erleben von:
- inneren Bildern,
- starken intuitiven Eindrücken,
- feinen atmosphärischen Veränderungen,
- oder energetisch interpretierten Wahrnehmungen (z. B. Hellfühligkeit).
Wichtig ist hierbei eine klare Differenzierung:
Diese Erfahrungen sind subjektiv real, jedoch nicht einheitlich wissenschaftlich operationalisiert. Hochsensitivität beschreibt daher eher einen phänomenologischen Erfahrungsraum als ein klar definiertes Persönlichkeitsmerkmal im engeren psychologischen Sinn.
Zentrale Unterschiede in der Betrachtung
Zusammengefasst lässt sich sagen:
-
Hochsensibilität ist ein psychologisch erforschtes Persönlichkeitsmerkmal mit Schwerpunkt auf sensorischer und emotionaler Reizverarbeitung.
-
Hochsensitivität ist ein weiter gefasster Begriff, der zusätzliche Wahrnehmungsebenen, intuitive Prozesse und Sinnfragen einschließt.
Viele Menschen, die sich als hochsensitiv erleben, sind gleichzeitig hochsensibel im Sinne von Elaine Aron. Umgekehrt gilt das nicht zwangsläufig: Nicht jede hochsensible Person beschreibt auch erweiterte Wahrnehmungsebenen jenseits der klassischen Sinne.
Beide Begriffe beschreiben keine Defizite, sondern Varianten menschlicher Wahrnehmung. Entscheidend ist nicht die Zuschreibung, sondern der Umgang damit: Verständnis, Selbstannahme und eine Lebensgestaltung, die der eigenen Reizverarbeitung gerecht wird.
Einordnender Abschluss
Die Unterscheidung zwischen Hochsensibilität und Hochsensitivität kann helfen, das eigene Erleben besser zu verorten. Sie ist kein Entweder-oder, sondern ein Kontinuum. Menschen bewegen sich darin unterschiedlich – abhängig von Persönlichkeit, Biografie, Kultur und individueller Deutung.
Was beide Begriffe verbindet, ist die Erkenntnis, dass Wahrnehmung nicht gleich Wahrnehmung ist. Manche Menschen erleben die Welt dichter, tiefer und vielschichtiger. Wird das verstanden und ernst genommen, kann daraus keine Überforderung, sondern Orientierung entstehen.
Literatur (Buch- und Fachverweise)
- Aron, Elaine N. (1997). The Highly Sensitive Person: How to Thrive When the World Overwhelms You. New York: Broadway Books.
- Aron, Elaine N. (2002). The Highly Sensitive Person in Love. New York: Broadway Books.
- Aron, Elaine N.; Aron, Arthur; Jagiellowicz, Judith (2012). Sensory Processing Sensitivity: A Review in the Light of the Evolution of Biological Responsivity. Personality and Social Psychology Review, Vol. 16(3).
- Acevedo, Bianca P. (2020). The Highly Sensitive Brain. New York: Citadel Press.
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