Die Ist-Zustand-Analyse ist der Moment, in dem wir innehalten. Bevor etwas verändert wird. Bevor Ziele formuliert oder Lösungen gesucht werden. Sie richtet den Blick auf das, was jetzt da ist – nicht als Bewertung, sondern als Ausgangspunkt.
Im Coaching bezeichnet der Ist-Zustand die gegenwärtige Lebenssituation des Coachees: innerlich wie äußerlich. Wie fühlt sich das Leben im Moment an? Wo steht jemand wirklich – jenseits von Erwartungen, Ansprüchen oder dem, was „eigentlich“ sein sollte? Eine sorgfältige Ist-Zustand-Analyse schafft Orientierung. Sie macht sichtbar, von wo aus der Weg beginnt.
Der Coaching-Prozess startet in der Regel mit einem Erstgespräch. In diesem Raum geht es nicht darum, sofort Lösungen zu finden, sondern zuzuhören. Der Anlass für das Coaching wird benannt, ebenso die Wünsche, Hoffnungen oder auch die Unsicherheiten, die jemand mitbringt. Die aktuelle Situation wird umrissen, biografische Hintergründe können anklingen, ohne dass sie erklärt oder gerechtfertigt werden müssen. Dieses Gespräch bildet den ersten Rahmen für das gemeinsame Verständnis des Ist-Zustands.
Ein wesentlicher Teil der Ist-Zustand-Analyse ist die Selbstreflexion. Der Coachee wird eingeladen, verschiedene Lebensbereiche zu betrachten: Arbeit, Beziehungen, Familie, Gesundheit, innere Haltung, Werte, Ziele. Nicht alles gleichzeitig, nicht mit Druck, sondern Schritt für Schritt. Was fühlt sich stimmig an? Was kostet Kraft? Wo gibt es Spannungen, Wiederholungen oder offene Fragen? Dabei werden sowohl Stärken als auch Herausforderungen sichtbar – beides gehört gleichermaßen zum Ist-Zustand.
Parallel dazu nimmt der Coach wahr. Nicht im Sinne einer Bewertung, sondern als Resonanzraum. Sprache, Pausen, Körpersignale, innere Bewegungen – all das gibt Hinweise darauf, wie jemand im Kontakt steht und wie sicher oder unsicher bestimmte Themen berührt werden können. Diese Beobachtungen fließen behutsam in den Prozess ein, immer transparent und auf Augenhöhe.
Gemeinsam werden die verschiedenen Lebensbereiche betrachtet und zueinander in Beziehung gesetzt. Oft zeigt sich dabei, dass Belastungen nicht isoliert stehen, sondern sich gegenseitig beeinflussen. Ein ungelöster beruflicher Konflikt wirkt in Beziehungen hinein. Dauerhafte Erschöpfung verändert den Blick auf Entscheidungen. Die Ist-Zustand-Analyse hilft, diese Zusammenhänge zu erkennen, ohne sie zu dramatisieren.
Ein weiterer wichtiger Schritt ist das Erkennen von Mustern. Wiederkehrende Situationen, vertraute Reaktionen, alte Strategien, die einst hilfreich waren und heute vielleicht eher begrenzen. Diese Muster sind kein Fehler, sondern Hinweise. Sie erzählen davon, wie jemand gelernt hat, mit dem Leben umzugehen. Sie bewusst wahrzunehmen, eröffnet die Möglichkeit, neue Wege zu erproben.
Ebenso werden Ressourcen sichtbar gemacht. Fähigkeiten, Erfahrungen, innere Stärken, unterstützende Beziehungen, vorhandenes Wissen. Gleichzeitig werden mögliche Barrieren benannt: äußere Rahmenbedingungen, innere Zweifel, Ängste oder Loyalitäten, die Veränderung erschweren. Beides – Ressourcen und Hindernisse – gehört zum Ist-Zustand und verdient Aufmerksamkeit.
Aus all dem entsteht ein gemeinsames Bild. Kein starres Profil, sondern ein lebendiges Verständnis der aktuellen Situation. Der Ist-Zustand wird klarer, greifbarer, benennbar. Nicht, um festgeschrieben zu werden, sondern um Orientierung zu gewinnen.
Die Ist-Zustand-Analyse ist damit keine Vorstufe, die man schnell hinter sich bringt. Sie ist Fundament. Erst wenn klar ist, wo jemand steht, können Ziele sinnvoll formuliert werden. Ziele, die nicht überfordern, sondern anschlussfähig sind. Maßnahmen, die nicht gegen den Menschen arbeiten, sondern mit ihm.
Im besten Fall entsteht durch die Ist-Zustand-Analyse bereits eine erste Veränderung: Entlastung. Gesehenwerden. Das Gefühl, nicht falsch zu sein, sondern nachvollziehbar. Und aus diesem Verständnis heraus wird Entwicklung möglich – nicht als Selbstoptimierung, sondern als stimmiger nächster Schritt.
Die Ist-Zustand-Analyse fragt nicht: Was stimmt nicht mit dir?
Sondern: Wo stehst du – und was brauchst du von hier aus?
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