Vorsätze, Leere und das leise Weitergehen

baumstam halb mit schnee bedeckt

Manchmal beginnt ein neuer Abschnitt nicht mit Klarheit, sondern mit Leere.

Das neue Jahr bringt oft diesen stillen Wunsch mit sich, dass sich etwas verändert, dass es vielleicht leichter wird, ruhiger, stimmiger, und obwohl wir aus Erfahrung wissen, dass sich nichts über Nacht verschiebt, taucht dieser Gedanke doch immer wieder auf – auch bei mir –, als hätte allein der Wechsel im Kalender die Kraft, Ordnung ins Innere zu bringen.

Gleichzeitig wissen wir es alle: Jeder Tag kann ein neuer Anfang sein.
Vielleicht sogar jeder Moment.
Und wenn ich es ganz genau nehme, dann wäre jetzt dieser Moment, in dem alles neu und anders sein könnte – und genau dort beginnt die eigentliche Frage, die viel leiser ist als alle Vorsätze:
Was mache ich mit meiner Leere? Mit diesem Gefühl von Einsamkeit, das bleibt, auch wenn theoretisch alles möglich scheint?

kleiner schneemensch

Da sein, ohne Antwort

Gerade bin ich ehrlich mit mir.
Ich fühle mich leer. Und einsam.

Nicht als Drama, nicht als Krise, sondern als Zustand, der da ist, während der Alltag weiterläuft. Zuhause bin ich mitten im Leben, mitten in Worten, die fallen, weil Kinder Grenzen prüfen – nicht aus Bosheit, sondern aus Lebendigkeit, aus dem Bedürfnis heraus zu spüren, ob etwas trägt, ob jemand bleibt, ob Liebe nicht plötzlich endet, nur weil es anstrengend wird.

Ich sehe mir das an, sitze mitten in diesem Wortkampf, teile Sätze aus, die gleichzeitig klar und liebevoll sind, und merke dabei, dass ich innerlich manchmal nicht ganz da bin, dass ich halte, begleite, funktioniere – und gleichzeitig keinen Ort habe, an den ich mich gerade anlehnen kann.

Das ist kein Vorwurf.
Weder an meine Kinder.
Noch an mich.

Es ist einfach das, was gerade ist.

Tannenast mit Eis drauf

Der Berg aus Buchstaben

In mir liegt ein Berg aus Buchstaben. Gedanken, Gefühle, Fragen, Sätze, die geschrieben werden wollen, und allein die Vorstellung, diesen Berg zu überqueren, fühlt sich in dieser Leere fast unmöglich an, weil Kreativität, Fürsorge, Klarheit und Selbstmitgefühl gleichzeitig da sein sollen, während die Energie immer wieder absackt.

Und dann dieses Gefühl, dass gerade niemand da ist, der sich anlehnen lässt, niemand, der die Situation oder auch mich wirklich versteht, und dieses alte Muster, alles alleine machen zu müssen, meldet sich kurz zurück, schlägt an wie eine Eisenstange, die alte Trigger bestätigt, obwohl ich längst weiß, dass sie nicht die Wahrheit erzählen.

Draußen schneit es. Der Winter ist nicht dunkel, sondern grell hell. Ich kann mich nicht hinter Müdigkeit oder Selbstmitleid verstecken, nicht ausruhen in einer Stimmung, die alles erklärt, denn das Leben geht weiter, und ich gehe mit, weil Begleitung gebraucht wird, weil Verantwortung da ist, weil Bleiben gerade wichtiger ist als Rückzug.

Tannenblüte mit daneben Eis auf der Tanne

Wenn Vorsätze zu eng werden

Ein Vorsatz wird oft behandelt wie ein Versprechen an eine bessere Version von uns selbst. Manchmal wird er so nüchtern formuliert, dass Gefühle keinen Platz mehr haben, manchmal so oberflächlich, dass sie einfach beiseitegeschoben werden, und manchmal so tief durchleuchtet, dass man sich in der eigenen Geschichte verliert.

All diese Haltungen haben ihre Berechtigung.

Es gibt Wege, die Emotionen erst einmal zur Seite legen, um handlungsfähig zu bleiben.
Es gibt Wege, die zurückschauen, um zu verstehen.
Und es gibt Wege, die weder analysieren noch optimieren wollen, sondern an einem anderen Punkt ansetzen.

Nicht bei der Vergangenheit.
Nicht bei der perfekten Lösung.
Sondern bei dem, was jetzt da ist.

Auf Stein Schnee

Der Raum zwischen Gefühl und Richtung

Nicht alles muss bis ins Letzte gefühlt werden, bevor es weitergehen darf. Und nicht alles lässt sich tragen, indem man Gefühle ausblendet. Manchmal geht es darum, das, was ist, wahrzunehmen, ohne es zu bewerten oder wegzumachen, und trotzdem nicht darin stehen zu bleiben, sondern den Blick sanft nach vorne zu richten – nicht auf das große Ganze, sondern auf den nächsten machbaren Schritt, der weder heroisch noch perfekt sein muss.

Ein Vorsatz ist dann kein Neujahrsversprechen, sondern ein inneres Nicken:
Ja, so ist es gerade.
Und von hier aus darf etwas entstehen.

Alleine oder begleitet.
Beides darf sein.

Vielleicht liest du das gerade an einem Punkt, an dem noch nichts klar ist – und das reicht für jetzt.

Baumstamm mit Schnee drauf

Weitergehen, ohne sich zu verlieren

Unser Weg muss nicht darin bestehen, alles neu zu machen. Vielleicht besteht er vielmehr darin, immer wieder kurz stehen zu bleiben, ein- und auszuatmen, zu sehen, was ist, und dann weiterzugehen – nicht zurück, nicht gegen uns, sondern mit dem, was da ist. Auch mit der Leere. Auch mit der Einsamkeit.

Nicht, weil sie schön sind.
Sondern weil sie dazugehören.

Und vielleicht ist genau das ein Vorsatz, der trägt: nicht wegzugehen von dem, was ist, sondern von hier aus weiterzugehen, Schritt für Schritt, verbunden, menschlich, auf die eigene Weise.

Tannenast mit Eis und schnee