Drinnen vs. draußen

Treppe nach unten

Seit Jahren – und ich meine wirklich seit Jahren, nicht als Floskel – sitze ich nach dem Abendessen und dem Abendritual der Kinder daheim und mir fällt die Decke auf den Kopf.
Dieser Moment, wenn alles leise wird, die Teller gespült sind, die Stimmen sich zurückziehen und nur noch dieses Drinnen übrig bleibt.

Viele meinten immer, ich hätte mir ja einen Babysitter nehmen können.
Und ja, neben den Kosten lag da noch etwas anderes in der Luft.
Wenn ich einen Babysitter kennenlernen muss, dann ist das für mich – ich bin ja bekanntlich Workaholic – ein großes Thema. Nicht wegen des unbekannten Menschen an sich, sondern weil ich neben all dem, was ich tue, auch offen dafür sein müsste, dass diese Person vertrauenswürdig ist. Für mein Kind. Für meine Kinder.
Nicht, dass ich es nie gemacht hätte.

Mein Sohn hatte eine Zeit lang eine Kinderwagenschieberin. Ein halbes Jahr lang war sie fast täglich mit ihm unterwegs, Runde für Runde, Wagen für Wagen, durch Straßen und Wege.
Auch als meine Tochter da war, habe ich Babysitter angeschaut, Nachbarn gefragt, Möglichkeiten geprüft.

Dann gab es eine Zeit, in der eine Mutter aus dem Haus mit ihren zwei Kindern ebenfalls Lust hatte, mal rauszukommen. Wir haben uns etwas Schönes gebaut:
Wenn sie ausging, schlief meine Tochter bei ihnen, mein Sohn blieb bei mir, und ich passte auf ihre beiden Mädchen auf. Kam sie nachts zurück, ging ich rüber in meine Wohnung und schlief dort, während meine Tochter morgens noch mit den Mädels spielte.
Das lief gut. Weil mein Sohn jederzeit hätte rüberkommen können, wenn etwas gewesen wäre. Und in der Woche darauf drehten wir es um.
Ein leiser, tragender Rhythmus.

Bis sich das Ganze merkwürdig auflöste.
Corona stand vor der Tür.
Plötzlich war nichts mehr mit gegenseitiger Betreuung. Jeder sortierte erst einmal sein eigenes Leben neu. Dann zog die Familie aus.

Mit der Zeit wurde meine Tochter älter, kam in die Schule, und nun übernachtet sie ab und an woanders. Selten, aber immerhin.
Und wenn mein Vater mich besucht, kann ich auch mal rausgehen.

Mein Sohn könnte das alles längst allein. Er genießt es sogar, wenn ich ihm Raum lasse.
Und vielleicht, weil ich selbst die Älteste von drei Kindern bin, habe ich sehr lange gewartet, ihm Verantwortung zu übertragen. Denn auf ein Geschwisterkind aufzupassen ist keine Kleinigkeit. Es ist Gewicht. Es ist Verantwortung.

Und doch merke ich jetzt: Es wird Zeit.
Zeit, rauszukommen.

Die hohe Decke hier in dieser Berliner Altbauwohnung kommt mir immer näher.
Ich fühle mich zerdrückt von etwas, das eigentlich nur mein Wohnzimmer ist.

Ein Nachteil bleibt: Meine Tochter ist eine Kurzschläferin. Sie geht spät ins Bett. Das bedeutet, ich lasse sie beide allein mit dem Einschlafen.
Aber ich kann nicht mehr warten, bis es halb zehn oder zehn ist, um dann noch eine Stunde rauszugehen. Dann wäre ich selbst schon fast wieder auf dem Weg ins Bett, weil um 5:30 Uhr der Wecker wieder fröhlich klingelt.

fernsehnturm

Also gehe ich jetzt raus.
Klein angefangen. Schritt für Schritt. Genau richtig jetzt, wo es nicht mehr so A…kalt ist. Wo die Luft weicher wird. Wo es vielleicht sogar ein bisschen fröhlicher und frühlingshafter ist, wenn man nach Sonnenuntergang hinausgeht.
Wenn die Menschen anders werden. Die Straßen leiser. Die Welt weiter.

Vielleicht gehe ich einfach spazieren.
Einfach herumlaufen, ohne sofort zu wissen, wofür. Ohne Plan, ohne Ziel, ohne Zukunftsstrategie.
Ja, ein Hobby wäre nett. Aber muss wirklich noch etwas dazu?
Neben all der Arbeit? Neben all dem Tun?

Vielleicht ist es Zeit, einfach zu sein. Den Tag weich ausklingen zu lassen.

Das ist keine Frage an dich.
Eher eine rhetorische an mich selbst.
Weil ich so intensiv dem nachgehe, was ich am besten kann: arbeiten.

Und ich bin gespannt, wie es sich anfühlt, wenn ich nach ein paar Wochen wieder weiß, wie die Nacht um unser Haus herum aussieht.
Statt in einem Raum mit Decke zu sitzen und darauf zu warten, müde genug zu sein, um ins Bett zu fallen.

Nicht, weil ich nichts zu tun hätte.
Eher, weil ich den Haushaltskram ohnehin nicht täglich liebe. Und weil ich merke, wie ich Zeit verliere – in diesem ziellosen Hängen, im Scrollen, im Handy, in all den kleinen Dingen, die nichts hinterlassen.

Und ganz ehrlich:
Ich habe keine Lust auf Haushaltskram. Der kann auch morgen passieren.
Keine Lust auf mein Handy.
Ich möchte Menschen sehen.
Bäume wachsen hören.
Wahrnehmen das die Vögel zwitschern.
Den Wind an meiner Nase spüren.
Dem Atem der Nacht näher kommen.

Also auf ins neue Abendabenteuer.

Die Kinder werden größer.
Irgendwann wohnen sie nicht mehr unter meinem Dach.
Warum warten?

Jetzt lebe ich. Jetzt will ich sein.
Und vielleicht damit sogar ein kleines bisschen abheben.