Wenn der Mond still zuschaut

Mond

Schon wenn es dunkel wird, weiß mein Körper Bescheid.
Nicht mein Kopf – der hinkt wie so oft hinterher – sondern dieser kluge, alte Körper.
Er wird langsamer, schwerer, müder.
Die Konzentration lässt nach, die Bewegungen werden träge, und trotzdem läuft der Vorabend weiter.

Da ist noch Fürsorge.
Kinder abholen, manchmal einkaufen, Putzen, aufräumen, irgendetwas kochen, auch wenn mir nichts mehr einfällt.
Manchmal wird genau daraus etwas, das die Kinder zum Strahlen bringt.
Manchmal reicht es auch einfach, dass es da ist.

Meine Kinder nutzen diese Zwischenzeit anders als ich.
Sie ziehen sich zurück, kommen in ihren Zimmern runter, legen den Tag ab.

Wir haben eine Essensklingel.
Nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Rücksicht – damit niemand durch die Wohnung rufen muss und Spannung entsteht, wo eigentlich Ruhe hin will.

Dann essen wir.
Der Große verschwindet danach Richtung Bildschirm, die Kleine braucht noch Nähe – reden, kuscheln, manchmal ein Spiel, manchmal Fernsehen.
Später höre ich aus der Ferne ihre Geräusche: Videos, Spiele, Hörspiel, Musik, Lachen, bis manchmal 22 Uhr oder später.

Und ich sitze da.
Zu müde, um noch richtig etwas zu tun.
Manchmal fühle ich mich eingeengt im Elterndasein, manchmal einfach nur leer.
Ich lese, häkle, schaue etwas.
Telefonieren tue ich gerade selten – nicht, weil es mir nicht guttäte, sondern weil mir die Energie fehlt, zu überlegen, wen ich anrufen könnte.

Es wird zehn, dann elf, manchmal zwölf
Ich weiß, dass der Wecker sehr früh gnadenlos klingeln wird.
Und trotzdem scheue ich mich, ins Bett zu gehen, weil ich innerlich noch nicht „unten“ bin. Noch nicht runtergefahren.

Zwischen Musik, kleinen Filmen und einem Buch versuche ich weich zu werden.
Manchmal fühlt es sich fern an. Manchmal einsam.
Der Mond steht irgendwo da draußen und schaut zu – nicht wertend, eher wissend.

Und dann beginnt die Nacht.

Früher dachte ich, nachts käme alles in voller Farbe.
Im Moment ist es eher gedämpft.
Psychologisch logisch, sagen viele.
Und ja, das stimmt wahrscheinlich.

Was mir fehlt, ist das Bunte.
Und ich weiß auch, dass es zurückkommt.
Wenn im Frühling der Himmel wieder aufreißt, wenn die Sonne scheint, wenn Grün wächst und Farben aus dem Boden kommen, werden auch die Nächte wieder anders.

Oft wache ich nach kurzer Zeit auf.
Mache Licht an.
Liege da.

Mich kümmert es nicht mehr, wie lange ich wach bin.
Nicht, welche Gedanken kommen.
Ich versuche nur eines: nicht festzuhalten.

Ich trinke einen Schluck Wasser, atme bewusst ein und aus.
Langsam.
Manchmal zähle ich.
Manchmal lege ich eine Hand auf den Bauch, eine auf die Brust.
Nicht, um etwas wegzumachen – sondern um weicher zu werden.

Gedanken dürfen durchziehen.
Wenn welche kommen, die mir nicht guttun, schiebe ich sie weiter.
Nicht kämpfend, eher wie Wolken, die weiterziehen dürfen.
Es ist kein großes Denken, keine Metaebene. Mehr Sein. Mehr Leerlauf im guten Sinne.

Ich weiß, dass da irgendwo eine Unruhe ist. Vielleicht auch Angst.
Ich gebe ihr Raum – aber nicht das ganze Zimmer. Sie darf da sein, ohne alles umzuschmeißen.

Manche Nächte wecken mich bis zu fünf Mal.
Es gibt Nächte mit kaum zwei Stunden Schlaf.
Und trotzdem geht es weiter.
Die Kinder wollen Frühstück.
Ich will arbeiten.
Also stehe ich auf.

Nicht heroisch.
Nicht dramatisch.
Einfach, weil Leben genau so manchmal aussieht.

Und vielleicht erkennst du dich darin wieder. Nicht, um Mitleid zu haben.
Sondern um zu spüren: Das hier ist Leben. Echt. Unaufgeräumt. Und trotzdem tragfähig.

Ich gehe durch diese Nächte nicht, weil ich so stark bin, sondern weil ich gelernt habe, dann langsamer zu werden. Zu atmen, wenn alles in mir schneller will. Weich zu bleiben, wo Härte nichts lösen würde.

Ich übergehe nichts. Ich romantisiere nichts. Ich bleibe da.

Der Mond bleibt auch. Er macht die Nacht nicht heller – aber er hält sie aus.

Und manchmal reicht genau das, um am Morgen wieder aufzustehen.