Zwischen Wort und Schweigen

zwei tauben

Ein Satz, der bleibt

Es gibt Sätze, die sich nicht aufdrängen und doch bleiben, weil sie etwas berühren, das wir kennen, ohne es greifen zu können. Sie erklären nichts, sie lösen nichts auf, sie behaupten keine Wahrheit – und genau darin liegt ihre Kraft. Einer dieser Sätze stammt von Khalil Gibran, veröffentlicht 1926 in Sand and Foam :


“Between what is said and not meant, and what is meant and not said, most of love is lost.”

Zwischen dem, was gesagt, aber nicht gemeint ist, und dem, was gemeint, aber nicht gesagt wird, geht der größte Teil der Liebe verloren.


Je länger man diesen Satz betrachtet, desto deutlicher wird, dass er keine Antwort geben will. Gibran schreibt nicht über Trennung, nicht über Streit, nicht über das laute Scheitern von Beziehungen. Er schreibt über ein Dazwischen – über einen Raum, in dem Liebe nicht aufhört zu existieren, aber aufhört, erreichbar zu sein. Ein Raum, der unscheinbar ist und gerade deshalb so wirksam.

Das Dazwischen von Innen und Außen

Dieser Zwischenraum ist kein persönlicher Ausnahmezustand, sondern eine Bewegung, die sich durch viele Beziehungen zieht. Er entsteht dort, wo Innen und Außen nicht mehr ineinandergreifen, wo Wahrnehmung und Ausdruck sich voneinander lösen, wo Gefühl vorhanden ist, aber keine Form findet – oder wo Worte da sind, denen das innere Gewicht fehlt.

Da ist das Gesagte, das korrekt klingt, klug vielleicht, funktional, beruhigend. Worte, die nichts falsch machen wollen, die Autonomie betonen, Selbstverantwortung, innere Freiheit. Worte, die stimmig wirken und dennoch etwas Leichtes behalten, weil sie innerlich nicht bewohnt sind. Man hört sie, man versteht sie, und doch fehlt etwas, an dem man sich innerlich anlehnen könnte.

Das Ungesagte

Und dann gibt es das andere: das Gemeinte, das Gefühlte, das Wahrgenommene, das keinen Weg nach außen findet. Nicht aus Bosheit, nicht aus Kälte, sondern aus Vorsicht, aus Unklarheit, aus dem Wunsch heraus, nichts festzulegen, nichts zu versprechen, nichts falsch zu machen. Doch was nicht gesagt wird, kann nicht gehört werden. Was keinen Ausdruck findet, bleibt unsichtbar – selbst dann, wenn es innerlich stark vorhanden ist.

Zwischen dem Gesagten ohne Gewicht und dem Gefühlten ohne Sprache entsteht kein offener Konflikt, sondern eine leise Verschiebung. Nähe wird nicht zerstört, sie verdunstet. Man ist noch da, teilt Alltag, spricht miteinander, vielleicht sogar Zärtlichkeit – und dennoch beginnt etwas zu fehlen: Orientierung, Resonanz, das leise Wissen, im Inneren des anderen einen Platz zu haben.

Stimmen über das Unsichtbare

Dass dieser Raum seit jeher beschrieben wird, zeigen viele literarische Stimmen – insbesondere von Dichter* innen, die sich immer wieder dem Ungesagten, dem Nicht-Übersetzten und dem Dazwischen zugewandt haben.

Virginia Woolf schreibt 1925 in The Common Reader, Essay “On Not Knowing Greek”:


“The eyes of others our prisons; their thoughts our cages.”

Die Augen der anderen sind unsere Gefängnisse, ihre Gedanken unsere Käfige.


Ein Satz über Blick und Zuschreibung, über das Erstarren dort, wo Wahrnehmung nicht frei zirkulieren darf und Beziehung sich nicht mehr bewegt, sondern fixiert.

Ingeborg Bachmann formuliert 1959 in ihren Probleme zeitgenössischer Dichtung" Frankfurter Vorlesungen (Zitat aus Vorlesung I) einen Satz, der nichts beschwichtigt:


Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.


Ein Satz über Verantwortung – auch sprachlich. Nicht alles, was wahr ist, muss gesagt werden, aber alles, was Beziehung tragen soll, braucht eine Form. Schweigen kann schützen, aber es kann auch entziehen.

Noch leiser, beinahe beiläufig, schreibt Emily Dickinson in einem Gedichtfragment, das posthum in der Sammlung Poems by Emily Dickinson (1890), herausgegeben und veröffentlicht wurde:


“The Heart wants what it wants – or else it does not care.”

Das Herz will, was es will – oder es kümmert sich nicht.


Kein Appell, keine Forderung, sondern die nüchterne Benennung innerer Wahrheit, die sich nicht verhandeln lässt.

Und schließlich findet sich bei Fernando Pessoa im Livro do Desassossego (Das Buch der Unruhe), einem fragmentarischen Werk, das 1982 posthum veröffentlicht wurde, die Notiz:


“O que sentimos, se não é dito, pesa.”

Was wir fühlen und nicht sagen, lastet auf uns.


Gefühl verschwindet nicht, wenn es nicht gesagt wird. Aber es bleibt schwer, unbewegt, ohne Beziehung.

Übersetzbarkeit als Nähe

Was all diese Stimmen verbindet, ist nicht die Klage über fehlende Liebe, sondern über fehlende Übersetzung. Über das Scheitern daran, Inneres so nach außen zu bringen, dass es beim anderen ankommen kann, ohne sich zu verlieren oder zu verhärten. Liebe geht nicht verloren, weil sie fehlt, sondern weil sie zwischen Innen und Außen stecken bleibt – weil Worte gesagt werden, die nichts tragen, und Gefühle getragen werden, die keine Worte finden.

Mich interessiert daran weniger die Frage nach Schuld oder Verantwortung als die nach Wahrnehmung. Nicht, weil es darum ginge, ein vollständiges Bild oder eine eindeutige Antwort zu erhalten, sondern weil die Frage nach dem Blick des anderen etwas Grundsätzliches berührt: das Bedürfnis, im Gegenüber vorzukommen. Danach, wie sehr wir als Menschen darauf angewiesen sind, im Blick eines anderen nicht festgelegt, nicht bewertet, sondern gemeint zu sein. Nicht bestätigt, sondern verortet.

Vielleicht ist Nähe genau das: Übersetzbarkeit. Dass Inneres eine Form finden darf, ohne sich zu verlieren. Dass Gesagtes auch gemeint ist. Und dass zwischen Wort und Schweigen kein leerer Raum entsteht, sondern ein tragender.

Der offene Raum

Wo diese Übersetzung gelingt, wird etwas leise tragfähig. Beziehung erhält dann keine feste Form, aber einen inneren Halt. Wo diese Übersetzung ausbleibt, zeigt sich kein abruptes Ende, sondern ein Verlust, der sich kaum benennen lässt und dennoch deutlich spürbar ist – kein Drama, kein Bruch, sondern ein Dazwischen, das langsam Raum einnimmt.

Gibrans Satz bleibt deshalb offen. Er will nichts erklären und nichts abschließen. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf das Gesagte, auf das Gemeinte und auf das, was sich dazwischen bewegt. Vielleicht entscheidet sich genau dort, ganz leise, ob Liebe Raum behält, um weiter zu atmen.


Ich bin sichtbar und möchte mitschwingen, dort, wo Worte hörbar werden und Nähe spürbar ist – nicht als Form, sondern als mein Raum, dein Raum und unser Raum dazwischen.


Zitat: Ief Parsch 2026 / WiR Blog