Die Suche nach mir selbst – bitte warten Sie kurz

Fahrrad in Pflanzen eingewachsen

Die Suche nach mir selbst – bitte warten Sie kurz

Wir nennen es Selbstfindung.
Meist klingt es nach Klarheit, nach Entwicklung, nach einem Schritt nach innen.
Und manchmal ist es einfach der eleganteste Weg, sich leise zu entziehen – ohne es so nennen zu müssen.

Vielleicht beginnt es meistens ganz harmlos.
Mit einem Gedanken.
Oder mit einer Nachricht.
Oder mit diesem einen „bestimmten“ Satz, der klingt, als sei er klug und reflektiert, sich im Bauch jedoch anfühlt wie ein schlecht sitzender Schuh, den man zu lange trägt.

„Ich muss gerade erst mal zu mir finden.“

Ein Satz, der so unschuldig daherkommt, dass man ihm beinahe einen Tee anbietet und ihm einen Platz am Tisch freiräumt.
Ein Satz, der nichts verspricht und gleichzeitig alles offenlässt.
Ein Satz, der sich anfühlt wie eine Bahnhofsdurchsage ohne Gleisangabe – viel Bewegung, aber keine Richtung.

Ich stelle mir dann immer vor, wie jemand mit ernster Miene in den inneren Wald aufbricht.
Rucksack auf, Stirnlampe an, Kompass fest in der Hand.

Ziel: sich selbst.
Wegbeschreibung: unklar.
Wetterlage: wechselhaft.
Begleitung: bitte heute nicht.

Und während diese Suche beginnt, stehe ich da und frage mich leise, fast ehrfürchtig und ein wenig ratlos:
Wie genau findet man sich eigentlich, wenn man sich gerade von allem trennt, was bisher gespiegelt hat, wer man ist?

Das ist das Paradox.
Oder vielleicht auch einfach ein Spiegel.

Man geht los, um sich selbst zu finden – und lässt auf diesem Weg genau das zurück, woran man dachte, sich erkannt zu haben.
Man verabschiedet sich von Beziehung, Resonanz, Reibung und Blickkontakt und nennt es dann Entwicklung.

Denn seien wir (in uns) ehrlich:
Wir finden uns selten allein auf einem Berggipfel mit dramatisch glitzerndem Sonnenuntergang.
Wir finden uns im Dazwischen & Miteinander.
Im Gespräch.
Im Widerspruch.
Im Gesehenwerden.
Und ja – manchmal auch im liebevollen Reiben an jemand anderem.

Das Paradox der Selbstsuche

Doch auf dem Weg „zu sich selbst“ wird genau das gerne ausgeblendet.
Dann heißt es: Abstand. Ruhe. Raum.
Große Worte, die sehr erwachsen klingen und trotzdem oft wie ein elegant verpackter Rückzug wirken.

Ironischerweise passiert auf diesem Weg etwas Merkwürdiges:
Je mehr jemand betont, jetzt ganz bei sich sein zu müssen, desto mehr scheint er sich (selber) im Nebel zu verlieren.
Nicht greifbar.
Nicht ansprechbar.
Vielleicht auch fast schon philosophisch abwesend.

Ich stelle mir bildhaft vor, wie man sich selbst sucht und dabei ständig an sich vorbeiläuft, weil man gerade nicht hinschauen will.
Wie man ruft: „Ich bin gleich wieder da!“ Und sich selbst zur Antwort bekommt: „Kein Stress. Ich warte.“

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe:
Sich selbst zu finden ist oft kein Alleingang mit erhobenem Zeigefinger Richtung Welt.
Es ist eher ein leises Wiedererkennen.

Oft ausgelöst durch jemanden, der bleibt, während man selbst an sich zweifelt.
Oder durch jemanden, der nachfragt, während der andere mit Blicken und Worten ausweicht.
Oder durch jemanden, der spürt, während man selbst nur die Sache sehen will und sich darüber erklärt.

Und ja, manchmal schreibt einer dann Sätze, die so tun, als seien sie Erkenntnisse – dabei sind sie eher Schutzschilder mit hübscher Gravur.
Sätze, die Abstand schaffen und gleichzeitig Nähe behaupten.

Ein Kunststück, das man nur mit sehr viel Übung hinbekommt.
Ein Kunststück, das ich nicht besonders gut kann – darum:

Ich lächle dann.
Erst vorsichtig, dann breiter und ein wenig lauter.
Nicht zynisch.
Eher wissend.

Weil ich das Paradox kenne.
Weil ich weiß, wie verführerisch es ist zu glauben, man müsse erst ganz bei sich sein, um jemand anderem begegnen zu dürfen.

Dabei begegnen wir uns selbst oft genau dort, wo wir uns nicht entziehen.
Wo wir bleiben.
Wo wir uns zeigen – unaufgeräumt, widersprüchlich, lebendig.

Manchmal auch genervt von den anderen.
Manchmal verletzt vom anderen.
Manchmal nimmt der eine oder die andere auch einfach zu viel persönlich.

Vielleicht ist der Weg zu sich selbst also gar kein Weg weg von anderen.
Sondern ein Weg mit offenen Augen.
Mit Humor.
Mit der Fähigkeit, über sich zu lachen, wenn man merkt, dass man sich gerade sehr, sehr ernst nimmt.

Und vielleicht, nur vielleicht, besteht das Finden nicht darin, irgendwo anzukommen.
Sondern darin, aufzuhören zu verschwinden.

Ein Augenzwinkern an dieser Stelle.
Für all jene, die gerade suchen. Und dabei vergessen haben, dass sie längst da sind.