
Eine Woche nicht daheim, und obwohl es erst zwei Tage her ist, dass ich nach Berlin zurückgekommen bin, fühlt es sich bereits so an, als läge diese Zeit weiter zurück, nicht zeitlich, sondern innerlich, als hätte sie sich in eine andere Schicht gelegt, die noch spürbar ist, aber nicht mehr direkt greift.
Allein nach Rostock zu fahren war keine spontane Idee, sondern eine Konsequenz aus einem Zustand, der sich über Wochen aufgebaut hatte, dieses ständige innere In-Beziehung-Sein, ohne wirklich bei mir zu sein, dieses dauerhafte Mitschwingen, das irgendwann nicht mehr fein, sondern erschöpfend wird. Ich brauchte Raum. Nicht zum Nachdenken, sondern zum Dasein.

Rostock im Winter macht etwas mit einem, auch dann, wenn man feststellt, dass Alleinsein nicht automatisch Einsamkeit bedeutet. In Warnemünde waren trotz eisiger Kälte viele Menschen unterwegs, mehr als ich erwartet hatte, was mich zunächst irritierte, weil ich Stille gesucht hatte und stattdessen Präsenz bekam. Also verlagerte sich mein Fokus, weg von der Erwartung, allein zu sein, hin zur Bewegung.


Ich ging viel, entlang der Küste, auf verschiedenen Routen, fast alle bin ich gelaufen. Schwäne, Enten und unzählige Möwen begleiteten diese Wege, scheinbar unbeeindruckt vom Wind und von der Kälte, als gehörte all das einfach dazu. Die Ostsee war angefroren, stiller als sonst, fast geschlossen, und mir fiel auf, dass der typische Meeresgeruch fehlte. Vielleicht frisst die Kälte ihn, vielleicht war ich selbst zu sehr nach innen gekippt, um ihn wahrzunehmen.

Untergebracht war ich in einem Wellnesshotel, mit Sauna, Schwimmbad und Anwendungen. Gesichtsmassagen, Rücken, Ganzkörper, Ayurveda, und zum ersten Mal in meinem Leben eine richtige Gesichtsbehandlung. Während mein Körper berührt, gelockert und versorgt wurde, fiel mir auf, wie ungewohnt es mir geworden ist, mich behandeln zu lassen, ohne dabei innerlich etwas leisten oder erklären zu müssen.
Das Essen war gut, das Frühstück üppig, so wie man es erwartet, wenn alles kostspielig ist. Und es war mir egal. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil diese innere Stimme, die sonst abwägt und bewertet, für eine Weile leiser geworden war.
Auch die Spaziergänge im angrenzenden Wald brachten keine völlige Abgeschiedenheit. Immer wieder Menschen, immer wieder dieses Gefühl, nicht ganz ungesehen zu sein. Erst als ich mich abends dazu entschied, später hinauszugehen, im Dunkeln, veränderte sich etwas. Normalerweise nicht mein Ding, ich bin nachtblind, Wälder werden dann eher Ahnung als Raum, doch der viele Schnee machte das Gehen möglich. Alles war hell genug, ruhig genug, getragen von dieser gedämpften Stille, die nur Schnee kennt.
Die Frage einer Kellnerin, ob ich wirklich allein in den Wald gehen wolle, blieb hängen. Ihr Hinweis, dass noch keine Wildschweine gesichtet worden seien, erzählte weniger von realer Gefahr als von einem kollektiven Misstrauen gegenüber weiblichem Alleinsein, davon, dass Allein-Unterwegs-Sein noch immer erklärungsbedürftig ist, selbst dann, wenn es ruhig und bewusst geschieht.
Auf der psychischen Ebene bin ich nicht spektakulär weitergekommen, wenn man Fortschritt an Erkenntnissen misst. Ich hatte bewusst keinen Laptop dabei, keine Arbeitsstruktur, keinen Ort, an dem Gedanken sofort festgehalten und verwertet werden. Ideen tauchten auf, kurz und flüchtig. Ich malte ein wenig, schrieb ein paar Worte, ließ sie wieder ziehen. Mein Ziel war nichts zu tun, und das bedeutete auch, nichts sofort verstehen oder nutzen zu müssen.
Es war viel Leere da. Und auch dieses alte Gefühl, in manchen Situationen nicht verstanden zu werden oder mich nicht zeigen zu dürfen, verschwand nicht vollständig. Aber es verlor an Dringlichkeit. Es durfte da sein, ohne gelöst zu werden. Ich musste mein Zeug nicht im Schnellzugtempo erledigen.

Jetzt bin ich wieder da. Der lange Winter geht mir langsam auf die Nerven, nicht dramatisch, eher wie ein leiser Verschleiß. Ich warte auf Schneeglöckchen, auf Vogelstimmen, auf dieses kaum hörbare Anzeichen von Wandel.
Dass Störche und Gänse bereits im Februar ziehen, wusste ich nicht. Einen kleinen Schwarm am Himmel zu sehen, hatte etwas Berührendes. Sie wissen, dass es noch kalt ist, dass der Boden noch nicht bereit ist, und folgen dennoch ihrem inneren Rhythmus, der sagt, dass Brüten im März beginnt, unabhängig davon, was das Thermometer anzeigt.
Vielleicht ist das die eigentliche Bewegung dieser Tage, dass sich in mir etwas verschiebt, auch wenn sich im Außen nichts löst, dass Klarheit nicht immer durch Gespräche entsteht, sondern manchmal dadurch, dass ich mir selbst treu bleibe, während etwas ungeklärt bleibt, und dass Ruhe nicht das Ende eines Prozesses ist, sondern der Moment, in dem ich aufhöre, mich selbst zu verlassen.
Was denkst du über diesen Beitrag?
Wenn dir dieser Beitrag gefallen hat, nutze gern den Teilen-Button unten. Es zaubert mir immer ein Lächeln ins Gesicht, wenn ich sehe, dass jemand Freude daran hatte.