Es gibt diese Abende, die eigentlich harmlos beginnen.
Man ist irgendwo eingeladen, sitzt in einer Runde, die sich zufällig ergeben hat. Menschen, die man noch nicht kennt, Stimmen, die sich erst finden müssen. Es wird geredet, gelacht, gefragt, geantwortet. Nichts Besonderes. Noch nicht.
Und dann verändert sich etwas.
Nicht laut. Nicht dramatisch.
Eher so, als würde sich der Raum ein Stück nach innen ziehen.
Jemand beginnt zu erzählen. Von früher. Von Kindheit. Von dem, was wehgetan hat. Nicht tastend, nicht suchend, sondern mit einer Selbstverständlichkeit, die überrascht. Es klingt nicht nach einem Moment des Vertrauens, sondern nach etwas, das längst bereitliegt. Als hätte es nur auf diese Gelegenheit gewartet.
Und plötzlich geht es nicht mehr um das Jetzt.
Ein weiteres Glas wird eingeschenkt, ein weiteres Detail ergänzt. Ein anderer greift den Faden auf, erzählt seine Geschichte, etwas schwerer, etwas dunkler. Wieder jemand schiebt nach. Es ist kein Wettbewerb, sagt niemand. Und doch liegt genau das in der Luft.
Nicht ausgesprochen, aber spürbar.
Hier darf man nicht zu wenig erlebt haben.
Hier zählt Tiefe – gemessen am Leid.
Während ich zuhöre, merke ich, wie ich innerlich langsamer werde. Nicht aus Überforderung, sondern aus einer leisen Irritation. Denn ich spüre: Es geht gerade nicht darum, gesehen zu werden. Es geht darum, berechtigt zu sein. Berechtigt, hier zu sitzen. Berechtigt, ernst genommen zu werden. Berechtigt, als „tief“ zu gelten.
Und wer zu wenig erzählt, wer nichts Spektakuläres beisteuert, rutscht unmerklich an den Rand. Nicht absichtlich. Nicht böse. Einfach so.
Als wäre ein Leben, das leise war, ein halbes Leben.
Als wäre Schmerz der einzige Beweis dafür, dass man wirklich da ist.
Das macht mich traurig.
Nicht, weil Menschen von ihren Verletzungen sprechen – das dürfen sie.
Sondern weil sich etwas verschoben hat. Weil Leid zur Eintrittskarte geworden ist. Weil man sich rechtfertigen muss, wenn man keine große Geschichte mitbringt. Oder wenn man sie nicht mehr erzählen will.
Ich sitze dann da und frage mich, wann genau wir angefangen haben, uns über Missstände zu definieren. Wann Tiefe plötzlich etwas war, das man vorzeigen muss. Wann Sein nicht mehr reicht.
Ich habe auch erlebt. Natürlich. Wie fast jeder Mensch.
Aber mein Leben bestand nicht nur aus Brüchen. Und selbst dort, wo es gebrochen war, ist daraus nicht zwangsläufig eine Erzählung geworden. Manche Dinge haben sich still eingewebt. Manche haben keine Worte gebraucht. Manche sind heute einfach Teil von mir – ohne dass ich sie erklären müsste.
Und genau da wird es schwierig.
Denn ein integrierter Schmerz wirkt von außen oft unsichtbar.
Wer nicht klagt, gilt schnell als unberührt.
Wer nicht erzählt, als oberflächlich.
Wer nicht leidend spricht, als jemand, der das Leben vielleicht noch nicht verstanden hat.
Dabei ist es oft genau umgekehrt.
Mich empört das leise. Nicht laut, nicht anklagend. Eher wie ein Ziehen. Weil ich sehe, wie viel Nähe verloren geht, wenn wir uns nur über das verbinden, was uns verletzt hat. Weil ich spüre, wie viel Leben im Raum wäre, wenn wir nicht ständig prüfen müssten, ob wir „genug“ sind.
Genug verletzt.
Genug geprägt.
Genug gezeichnet.
Was wäre, wenn wir uns anders begegnen dürften?
Nicht über unsere schlimmsten Kapitel, sondern über das, was uns heute bewegt. Über das, was uns trägt. Über das, was uns gerade lebendig macht – auch wenn es unspektakulär ist.
Ich merke, dass ich mein Sein anders definiere. Nicht im Gegensatz zu anderen, sondern aus einer inneren Entscheidung heraus. Ich will nicht interessant sein, weil mein Leben schwer war. Ich will wahrhaftig sein in dem, wie ich heute hier bin.
Vielleicht ist das still.
Vielleicht wirkt es unscheinbar.
Aber es fühlt sich für mich wahr an.
Ich wünsche mir Räume, in denen niemand beweisen muss, dass er Tiefe hat.
Räume, in denen Geschichten erzählt werden dürfen – und genauso gut nicht.
Räume, in denen Sein nicht an Bedingungen geknüpft ist.
Ich weiß, dass das gegen einen leisen Zeitgeist geht.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum mich diese Abende so nachdenklich machen.
Nicht aus Überlegenheit.
Nicht aus Distanz.
Sondern aus einer Traurigkeit darüber, wie viel wir verlieren, wenn wir uns nur über das definieren, was uns gefehlt hat.
Manchmal stehe ich am nächsten Morgen auf, mache mir einen Kaffee und denke:
Heute will ich einfach da sein.
Nicht erklärend.
Nicht vergleichend.
Nicht beweisend.
Einfach lebendig.
Und vielleicht reicht das nicht für jede Runde.
Aber für mich reicht es.

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