Wenn Grenzen sprechen lernen

Bergweg

Es gibt diese Begegnungen, die etwas in mir berühren, das ich lange nicht mehr gespürt habe: dieselbe kindliche Sehnsucht, das wahrnehmen, das jemand sagt:
„Ich bin hier. Ich halte dich.“

Ich bin jemand, der Liebe nicht rationiert.
Ich gebe sie im Voraus – voller Vertrauen, dass mein Gegenüber sieht, was in mir leuchtet und auch das annimmt, was in mir zittert.

Ich schenke und bin authentisch dauerhaft 100 % mit meinem ganzen Herzen.

Die Brücke – wenn Hoffnung trägt und trägt und trägt

Zu Beginn fühlt sich alles leicht an.
Ich sehe einen Menschen und baue eine Brücke zu ihm, aus Vertrauen, Wärme, Handreichungen.
Ich gehe auf dieser Brücke voran – mutig, offen, weil ich glaube, dass wir uns in der Mitte treffen.

Doch manchmal höre ich nach vielen Schritten nur mein eigenes Echo.
Ich drehe mich um und stelle fest:
Ich bin die Einzige, die darauf steht.

Und dann warte ich – zu lange.
Nicht aus Naivität.
Sondern, weil ich an die Schönheit glaub(t)e, die am Anfang da war.

Ein Wiedererkennen aus der Kindheit

Dieses Warten ist vertraut.
Es gibt in mir eine leise Stimme aus früher Zeit:
„Wenn du nur gut genug bist, bleibt jemand.
Wenn du dich anstrengst, siehst du, was du wert bist.“

Und dieses innere Kind hofft weiter.
Selbst dann, wenn die Realität längst laut schreit:

Du wirst nicht gesehen.
Du wirst bewertet, nicht gehalten.

Die Badewanne – ein Ort der Scham statt des Halts

Einmal habe ich versucht, mir etwas Gutes zu tun:
ein warmes Bad
als kleines Stück Fürsorge.

Ich erwartete keine großen Gesten.
Nur jemanden, der sagt:
„Ich bin da. Ich begleite dich.“
Jemanden, der die Wärme mitträgt.

Doch statt einer offenen Hand
kam Spott. Kritik. Ungeduld.
Meine Überforderung wurde lächerlich gemacht.
Mein Weinen kommentiert.

Ich saß in diesem Wasser, das mich eigentlich halten sollte, und fror innerlich.
Ich fühlte mich wie ein Mensch, der dafür bestraft wird, weich zu sein.

In solchen Momenten merkt mein Körper,
lange bevor der Verstand nachkommt:

Hier ist kein Halt. Hier ist Gefahr.

Gaslighting – wenn die eigene Wahrheit leise wird

Wenn mir oft genug gesagt wird, dass mein Gefühl „übertrieben“ ist, dass ich „zickig“ bin, „genervt“, „nicht normal“
– dann verschiebt sich etwas in mir.

Gaslighting ist kein lauter Sturm.
Es ist der feine Nebel, der meine Wahrnehmung auflöst, bis ich mich selbst hinterfrage:

Ist mein Dasein und mein Schmerz überhaupt erlaubt?

Der Wendepunkt

Der schmerzhafteste Augenblick
ist nicht der Streit.
Es ist der Moment, in dem Hoffnung nicht mehr wärmt, sondern brennt.

Wenn ich merke:

Ich verliere mich.

Nicht, weil ich zu viel fühle, sondern weil ich zu wenig gehalten werde.

Die Tür – Grenzen als Rückkehr

Grenzen sind nicht laut.
Sie sind leise.
Zunächst ein Zittern, dann ein Atemholen:
„Ich darf wichtig sein.“

Grenzen sind eine Tür, die sich nicht schließt, sondern zurückführt:
zu mir.

Ich trete darüber –
und plötzlich erinnere ich mich:
Ich bin die, die Nähe schenkt.
Ich bin die, die liebt.
Ich bin die, die Halt verdient.

Für dich, die das gerade spürt

Wenn beim Lesen etwas in dir genickt hat –
vielleicht vorsichtig,
vielleicht mit einem alten Schmerz:

Dann weißt du,
wie sich Hoffnung anfühlt, die dich irgendwann bricht.

Und ich möchte dir sagen:

Du bist nicht zu sensibel.

Du bist sensibel genug, um Liebe zu erkennen.

Du bist nicht zu viel.

Du bist genug für jemanden, der halten kann.

Du bist nicht schwierig.

Du bist ein Herz mit Tiefe.

Grenzen setzen heißt nicht gehen.
Grenzen setzen heißt:
Nach Hause kommen.