
Die, die hält
Über Verantwortung, Nähe, Stille und den Punkt, an dem Halten zu viel wird
Nähe nicht dem Zufall überlassen
Ich bin die, die Nähe nicht dem Zufall überlässt. Nicht aus Angst, sondern aus Verbundenheit. Ich merke früh, wenn sich etwas verschiebt, wenn Antworten ausbleiben, wenn das Dazwischen stiller wird. Dann beginne ich zu sprechen, nachzufragen, Dinge anzusprechen – nicht um zu führen, sondern um Beziehung lebendig zu halten, bevor sie unbemerkt ausdünnt.
Dieses Halten ist keine Geste, sondern Arbeit. Ein dauerhaftes inneres Mitgehen, ein Dranbleiben, das Zeit, Energie und Präsenz braucht. Lange habe ich das selbstverständlich getan, weil Beziehung für mich etwas ist, das gepflegt werden will. Mit der Zeit wird mir klar, dass ich nicht nur halte, sondern kompensiere. Dass Verantwortung leise auf meine Seite gerutscht ist.
Stille als Nähe
Dabei bin ich nicht immer die, die spricht. Ich bin auch die, die still sein kann. Nicht aus Rückzug, nicht aus Trotz, sondern weil es Momente gibt, in denen Nähe für mich nicht über Worte entsteht, sondern über gemeinsames Sein. Über Dasein ohne Erklärung, über Atmen nebeneinander, über das Spüren, dass nichts geklärt werden muss, um verbunden zu sein.
Diese Stille ist für mich kein Mangel, sondern Nähe. Doch oft halte ich diesen Raum nicht lange, weil ich merke, dass er auf der anderen Seite Unruhe auslöst. Noch während ich bei mir bin, beginnt ein aufmerksames Lauschen, das laut wird. Fragen tauchen auf, Erklärungsversuche, Deutungen. Die Stille wird etwas, das verstanden werden soll, statt etwas, das geteilt wird.
Worte auf der Goldwaage
Ich erlebe dann, dass Nähe wieder an Sprache gebunden wird. Dass ich erklären soll, warum ich still bin, was in mir vorgeht, was der Grund ist. Und selbst wenn ich Worte finde, habe ich das Gefühl, dass sie nicht wirklich ankommen. Sie werden seziert, auf die Goldwaage gelegt, wörtlich genommen – während das Gemeinte dahinter verloren geht.
Wenn ich spreche
Gleichzeitig gibt es andere Momente, in denen ich sehr wohl spreche. In denen ich Gedanken, Sorgen und Gefühle loswerden will – ungeordnet, unfertig. Nicht um etwas zu reparieren, sondern um gehört zu werden.
Und genau dort geschieht etwas, das mich leise trifft: Noch während ich spreche, tauchen Lösungen auf, Vorschläge, Ideen, mögliche Wege. Oft kreativ, oft gut gemeint, manchmal bevor ich meinen Gedanken zu Ende führen konnte.
Der Fokus verschiebt sich dann: weg von mir, hin zum Inhalt. Weg von meinem Erleben, hin zu einem Problem, das gelöst werden soll. In diesen Momenten fühle ich mich nicht gemeint, sondern bearbeitet. Nicht gehalten, sondern sortiert.
Resonanz statt Reaktion
Ich weiß, dass dahinter Engagement steht. Der Wunsch, etwas beizutragen. Und trotzdem bleibt das Gefühl, unsichtbar geworden zu sein – nicht, weil nichts getan wird, sondern weil etwas getan wird, was ich in diesem Moment weder fühle noch brauche.
Was mir fehlt, ist Resonanz. Nicht Reaktion. Jemand, der fragt, bevor er vorschlägt. Der innehält, bevor er versteht. Der sagt: Ich höre dich. Erzähl weiter. Komm, lehne dich bei mir an. Ich bin für dich da. Erst danach kann Bewegung entstehen. Vielleicht auch eine Lösung. Nicht vorher.
Der Verlust des Schönen
Hinzu kommt etwas, das mich traurig macht: Wir sprechen kaum noch darüber, was schön ist. Über das, was trägt, was verbindet, was da ist. Vieles kreist um das, was fehlt, was nicht gelingt, was der andere anders machen müsste. Es ist, als hätte der Raum etwas von seiner Liebe verloren – oder zumindest von der Selbstverständlichkeit, dass sie da ist.
Hoffnung als offene Frage
Ich weiß nicht immer, ob dieses Erleben ein verzerrtes Bild ist, genährt von meiner Erschöpfung und meiner Emotionalität. Aber es ist mein Erleben. Und es macht mir Angst, weil ich diesen Raum nicht verlieren will.
Besonders schwierig wird es dort, wo eine Tonlage entsteht, als sei nun etwas verstanden. Wenn gesagt wird: Ich habe es jetzt verstanden. Denn ich spüre: Es ist noch nicht verstanden.
Was ich mir stattdessen wünsche, ist etwas Offeneres: Ich bemühe mich, dich zu verstehen. Ich bin noch unterwegs.
Was bleibt, ist Hoffnung. Nicht als Gewissheit, sondern als etwas Fragiles. Hoffnung darauf, dass wir uns wiederfinden könnten, ohne dass ich mich dabei verliere. Hoffnung als Frage, nicht als Versprechen.
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