
Kompletter Text zum Download: Der Raum dazwischen - Teil 1 + 2 + 3
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Der, der Zeit braucht
Über Rückzug, Spannung, Verstehen-Wollen und das Nicht-Aushalten von Stille
Ruhe als Selbstschutz
Ich bin der, der Ruhe braucht, um bei sich zu bleiben. Nähe kann ich nur halten, wenn es in mir nicht zu eng wird. Verbindung entsteht für mich weniger über das ständige Besprechen von Emotionen und Erlebtem als über Dasein, über Nicht-Eskalieren, über Zurücknehmen. Das ist für mich kein Mangel, sondern ein Versuch, stabil zu bleiben und nichts zu überfordern – mich selbst nicht und den Raum zwischen uns auch nicht.
Spannung aushalten – oder nicht
Gleichzeitig halte ich Spannung schlecht aus. Momente, in denen etwas im Raum steht, aber nicht benannt wird, fühlen sich für mich nicht ruhig an, sondern aufgeladen. Wenn mein Gegenüber still wird, beginnt in mir ein intensives Lauschen. Ich frage nach, weil ich diese Unsicherheit kaum aushalte – nicht aus Kontrolle, sondern aus dem Bedürfnis heraus, wieder Boden zu bekommen, Orientierung, manchmal auch Struktur.
Was für den anderen Nähe ist, fühlt sich für mich dann wie ein Schwebezustand an, den ich nicht einordnen kann. Etwas, das in der Luft hängt, ohne Halt, ohne Richtung, ohne Anker.
Verstehen als Annäherung
Verstehen ist für mich ein Weg, Nähe herzustellen. Wenn ich begreife, warum etwas so ist, wie es ist, kann ich mich orientieren. Auch meine Lösungsorientierung entspringt diesem Bedürfnis. Wenn mir etwas Schweres erzählt wird, beginne ich automatisch zu ordnen, zu strukturieren, zu denken, Möglichkeiten zu sehen, Alternativen zu entwickeln. Für mich ist das Zuwendung. Beteiligung. In meinem Erleben auch Verantwortung.
Ich kann oft nur schwer nachvollziehen, dass genau das auf der anderen Seite als Übergehen erlebt wird. Dass mein Drängen nach Klarheit den Raum zwischen uns schließt, in dem eigentlich Nähe war. Vor allem dann, wenn es gar nicht um eine Lösung ging, sondern nur darum, etwas auszusprechen.
Worte festhalten
Ich merke, dass ich mich an Worte klammere. Bestimmte Formulierungen treffen mich, lösen etwas aus, bleiben hängen. Ich nehme sie wörtlich, analysiere sie, halte mich an ihnen fest, weil sie mir Halt geben und weil ich sie verstehen will. Dabei übersehe ich manchmal das Gemeinte, das Dazwischen, das, was nicht exakt gesagt, sondern gefühlt wird.
Nicht angekommen
Wenn ich sage, dass ich etwas verstanden habe, meine ich oft nicht, dass ich es wirklich durchdrungen habe. Vielleicht meine ich eher, dass ich spüre, dass hier etwas Wichtiges liegt. Dass ich beginne, mich zu nähern, ohne schon dort zu sein.
Es kann sein, dass ich Begriffe habe, aber noch keinen Zugang. Worte, aber noch keinen Kontakt. Vielleicht ist mein Verstehen im Moment eher ein Bemühen als ein Ankommen – ein Versuch, nicht auszuweichen, ohne schon wirklich zu bleiben.
Ein enger gewordener Blick
Mir ist aufgefallen, dass wir selten benennen, was schön ist. Dass unser Blick sich zunehmend auf das richtet, was nicht gelingt. Nicht, weil es nichts Gutes gäbe, sondern weil wir so sehr damit beschäftigt sind, das Schwierige zu verstehen und zu lösen. Und vielleicht auch, weil ich Selbstverständlichkeiten nicht immer benennen mag – in der Annahme, dass sie getragen sind, auch ohne Worte.
Hoffnung als Bleiben
Auch meine Hoffnung ist keine Gewissheit. Sie ist der Wunsch, dass es einen Weg geben könnte, ohne dass ich weiß, wie dieser aussieht. Vielleicht ist Hoffnung für mich im Moment weniger ein Wissen als ein Bleiben. Kein Versprechen. Kein Plan. Eher die Entscheidung, noch nicht wegzugehen.
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