Das, was ich sehe

Wer sieht, was da ist, verliert sich nicht in dem, was fehlt

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Da lag es – zwischen den Bordsteinen, in einer dieser schmalen Fugen, in denen sich sonst nur Staub sammelt und das, was niemand mehr aufhebt. Einfach so, ohne Erklärung, ohne Anspruch, ohne eine Geschichte, die sich laut meldet. Ich blieb stehen. Nicht, weil es wichtig war, sondern weil ich hinsah. So klein. So unscheinbar. Und doch – wenn man es dort liegen sieht, zwischen Schmutz, zwischen achtlos Weggeworfenem, zwischen all dem, was täglich übersehen wird – dann bekommt selbst ein Ein-Cent-Stück eine stille Würde. Nicht, weil es viel wert ist, sondern weil es überhaupt da ist.

Ich hob es auf. Drehte es zwischen meinen Fingern, betrachtete es kurz, und steckte es dann in meine Hosentasche – dorthin, wo Wärme ist, wo Bewegung ist, wo es nicht mehr vergessen daliegt, sondern wieder Teil von etwas wird. Und während ich weiterging, kam dieser Satz. Dieser alte, viel zitierte Satz: Wer das Kleine nicht ehrt, ist das Große nicht wert. Ich merkte sofort, dass er stimmt – und gleichzeitig nicht stimmt. Er ist mir zu hart. Zu endgültig. Zu sehr wie ein Urteil, das von außen kommt und innen landet, ohne zu fragen, ob der Boden schon bereit ist. Denn wer entscheidet denn, was klein ist? Wer legt fest, was groß genug ist, um Bedeutung zu haben? Ist das Ein-Cent-Stück weniger wert, oder nur weniger beachtet? Und verändert sich sein Wert wirklich, wenn es plötzlich fünf Cent wären, oder zehn, oder ein Euro – oder verändert sich der Wert erst, wenn ich beginne, es zu sehen?

Ich gehe weiter, das kleine Stück in meiner Tasche, und merke, wie sich etwas verschiebt. Nicht draußen, in mir. Denn Fokus ist kein harmloses Wort. Fokus ist ein neurologischer Akt, der tiefer geht, als wir ihn meistens einschätzen. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf etwas richten, dann passiert im Gehirn etwas sehr Konkretes: Der präfrontale Cortex – der Bereich, der für bewusste Steuerung und Aufmerksamkeit zuständig ist – trifft eine Entscheidung darüber, was relevant ist und was nicht. Gleichzeitig filtert das sogenannte Retikuläre Aktivierungssystem im Hirnstamm in jedem Moment Millionen von Reizen aus, sodass wir nur das wahrnehmen, worauf wir bereits eingestellt sind. Das bedeutet: Wir sehen nicht die Welt, wie sie ist. Wir sehen die Welt, auf die wir eingestellt sind. Wenn ich Mangel fokussiere, wird mein Gehirn zur Suchmaschine für Mangel – nicht weil mehr davon da ist, sondern weil ich es aktiviere, weil ich den Filter dafür eingeschaltet habe, ohne es zu merken. Und umgekehrt gilt dasselbe, mit genauso viel Konsequenz.

Wenn ich beginne, Dankbarkeit zu fokussieren, verändert sich meine Wahrnehmung auf eine Art, die sich zunächst unspektakulär anfühlt und dann still mächtig wird. Dopamin und Serotonin werden ausgeschüttet, Neurotransmitter, die nicht nur meine Stimmung beeinflussen, sondern die buchstäblich meine Aufmerksamkeit erweitern, mich weicher machen für das, was da ist, wacher für das, was ich sonst übersehen würde. Dankbarkeit ist kein netter Gedanke für einen guten Moment. Sie ist ein Trainingsfeld für Wahrnehmung, ein Muskel, den man tatsächlich aufbauen kann, und zwar nicht durch große Erlebnisse, sondern durch kleine, wiederholte Entscheidungen. Durch das Innehalten bei dem, was unbeachtet daliegt. Durch das Aufheben von Dingen, die niemand für hoch zu heben hält.

Und genau da kippt etwas in mir, denn Dankbarkeit bedeutet für mich nicht, alles schönzureden. Nicht, mich klein zu halten. Nicht, Schmerz zu übergehen oder so zu tun, als wäre er nicht da. Dankbarkeit bedeutet für mich: Ich nehme wahr, dass beides existiert. Dass meine Tochter krank war – und dass sie es gut überstanden hat. Dass ich müde bin – und gleichzeitig noch stehen kann. Dass mein Kopf manchmal laut wird, mit zu vielen Gedanken und zu wenig Stille – und dass ich trotzdem entscheiden kann, welchem dieser Gedanken ich folge und welchem nicht. Dankbarkeit ist kein Zustand, in den man irgendwann hineinwächst. Sie ist eine Entscheidung, die immer wieder neu getroffen wird, mitten im Moment, mitten im Lärm, mitten in der Erschöpfung. Eine Entscheidung, die nicht sagt: Alles ist gut, sondern die sagt: Es ist nicht alles schlecht – und die damit etwas öffnet, das vorher zu war.

Vielleicht ist genau das mein eigener Satz geworden. Nicht: Wer das Kleine nicht ehrt… Sondern:

Wer sieht, was da ist, verliert sich nicht in dem, was fehlt.

An diesem Tag hätte ich an so vielen Stellen stehen bleiben können. Bei den ersten zarten Blumen, die sich durch die noch kühle Erde schieben, fast schüchtern in ihrer Farbe, so als würden sie um Erlaubnis fragen. Bei den Vögeln am frühen Morgen, die mit ihrem Zwitschern den Tag eröffnen – manchmal ein wenig zu früh, manchmal ein wenig zu viel –, und doch auf eine so selbstverständliche Weise recht haben, weil sie den neuen Tag nicht hinterfragen, sondern ihn begrüßen, als wäre er ein Geschenk, das man einfach nimmt. Bei einem warmen Tee, der sich langsam durch meine Hände zieht. Bei einem ruhigen, tiefen Atemzug, der mich wieder bei mir ankommen lässt, nach Stunden, in denen ich überall anders war. Es ist nichts Großes dabei. Und genau das ist der Punkt.

Das Leben wird nicht stabil, weil alles leicht ist. Es wird stabil, weil mein Fundament nicht jedes Mal mitkippt, wenn etwas schwer wird. Und dieses Fundament entsteht nicht durch große Ereignisse, nicht durch Momente, die man später in Geschichten erzählt. Es entsteht durch die kleinen Momente, die man nicht übersieht. Durch das Ein-Cent-Stück auf dem Boden. Durch das kurze Innehalten mitten im Gehen. Durch das bewusste Wahrnehmen von trotzdem, dieses kleine, unterschätzte Wort, das so viel trägt: Ich bin erschöpft – und trotzdem stehe ich. Es ist schwer – und trotzdem ist etwas da.

Dabei bedeutet das nicht, dass Trauer keinen Platz hat, oder Wut, oder Erschöpfung. Im Gegenteil. All das darf da sein, vollständig und ohne Entschuldigung. Aber es darf nicht das Einzige bleiben, worauf ich schaue, denn sonst vergesse ich, dass direkt daneben etwas anderes liegt. Vielleicht klein. Vielleicht unscheinbar. Vielleicht genau ein Cent wert. Aber offensichtlich genug, um mich kurz anhalten zu lassen, wenn ich bereit bin, hinzusehen.

Und während ich weitergehe, mit diesem kleinen Gewicht in meiner Tasche, denke ich, dass es vielleicht gar nicht darum geht, mehr zu haben. Sondern darum, mehr zu sehen. Den Fokus dorthin zu lenken, wo etwas liegt, das darauf wartet, bemerkt zu werden. Und wenn ein Ein-Cent-Stück es schafft, mich daran zu erinnern, dann hat es seinen Job ziemlich gut gemacht.