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Es ist gerade eine dieser Zeiten, in denen ich merke, wie sehr ich eigentlich loslaufen möchte – hüpfend und lachend, singend und tanzend –, innerlich längst unterwegs bin, und gleichzeitig mein Körper mich immer wieder anhält. Nicht sanft, nicht vorsichtig, sondern so deutlich, dass ich gar nicht daran vorbeikomme, mich hinzusetzen, hinzuschauen, auszuhalten, dass das Tempo gerade nicht meines ist.
Und ich hasse das Wort müssen, da es aus meiner Sicht nichts mit meinem Willen und meinem Wollen zu tun hat. Jedoch ist es in dieser Form nicht jemand oder etwas anderes, das mich dazu bringt, zu müssen – es ist das Haus, in dem ich lebe, das mir die Möglichkeit gibt, hier zu sein, das dafür sorgt, dass ich überhaupt existiere.
Mein Körper – mein Freund und mein Feind.
Und während ich das schreibe, merke ich, wie schnell ich in diese alte Bewegung kippen könnte, in dieses „Es ist zu viel, wann hat es ein Ende“, in dieses leise Selbstmitleid, das sich gar nicht laut zeigt, sondern eher wie ein Nebel kommt, der alles ein bisschen schwerer macht – und genau das will ich nicht.
Nicht, weil es nicht verständlich wäre.
Sondern weil es mich nicht weiterbringt.
Wenn ich zurückschaue, dann war da nicht einfach „ein Ereignis“, sondern eher so ein leiser, stetiger Faden aus Dingen, die ineinandergegriffen haben, ohne dass ich zwischendurch wirklich Luft holen konnte – ich habe meine Praxis Anfang 2025 eröffnet, voller Kraft, voller Klarheit, und gleichzeitig begann mein Körper, mir Signale zu schicken. Erst leise, dann deutlicher, dann so laut, dass ich nicht mehr weghören konnte.
Dabei waren es nicht unbedingt Signale aus mir heraus, sondern vielmehr Dinge, die geschahen – unverschuldet, eher im Bereich von: es passiert mit mir.
Ich habe Medikamente genommen, weil ich vertraut habe, weil ich dachte, ich halte das aus, weil man das ja so macht – und gleichzeitig hat mein Körper immer wieder gesagt: nein, nicht so, nicht mit mir. Und ich habe eine Weile gebraucht, das nicht als Widerstand gegen mich zu sehen, sondern als etwas, das für mich spricht.
Dann kam dieser Zeckenbiss, dieser Moment, der erst so unscheinbar war und sich dann nach und nach in etwas verwandelte, das ich nicht mehr ignorieren konnte, weil der Schmerz da war, weil die falsche Behandlung da war, weil dieses Gefühl da war, dass ich schon spüre, was es ist, es aber noch nicht greifen kann – und dann die Diagnose, dann die Medikamente, dann im Prozess die nächste Erkrankung: Gürtelrose, als würde mein Körper nicht sagen „Pause“, sondern „Stopp, wirklich jetzt“.
Und ich bin weitergegangen. Langsam. Aber weiter.
Nicht aus Stärke.
Sondern weil ich es gewohnt bin.
Bis mein Körper irgendwann Dinge gemacht hat, die ich nicht mehr einordnen konnte – Zuckungen, Krankenhaus, Untersuchungen, dieses Gefühl, ausgeliefert zu sein und gleichzeitig irgendwie wach zu bleiben, nicht in Panik zu gehen, nicht mich selbst zu verlieren in dem, was gerade passiert.
Und dann wieder ein Stück Ruhe.
Und dann wieder etwas.
Ein Umknicken, Bänderzerrung. Mehrere Wochen auf Krücken.
Dieses Ausgebremstsein, das nicht nur körperlich ist, sondern auch dieses innere „Ich will doch eigentlich…“.
Und ja, ich hatte mir für dieses Jahr 2026 etwas anderes vorgestellt.
Ich wollte leicht sein, ich wollte wieder mehr in diese Bewegung kommen, dieses Gefühl von Weite, von Aufbruch – und stattdessen sitze ich wieder hier und merke, wie mein Körper mir Grenzen zeigt, die ich mir so nicht ausgesucht habe.
Die Erkrankung meiner Tochter, meine eigene Reaktion auf eine Impfung, wieder Gürtelrose, wieder dieses „nicht schon wieder“, das ganz kurz auftaucht und dann wieder geht, weil ich merke, dass ich da nicht bleiben will.
Und dann dieser eine Moment auf dem Fahrrad, dieser Stich, dieses kurze „Da war was“, und am Abend weiß ich plötzlich nicht mehr, wie ich stehen, sitzen oder liegen soll, weil mein Körper mir keine Position mehr anbietet, die wirklich ruhig ist. Im Moment besteht der Verdacht auf Bandscheibe oder Ischiasnerv, noch ist nicht alles vollständig abgeklärt.
Und genau hier beginnt eigentlich der Teil, der mich interessiert.
Nicht die Aufzählung dessen, was war.
Nicht die Frage, warum es so viel ist.
Und auch nicht meine Gesprächsthemen, die sich gerade sehr um meinen Körper drehen.
Sondern dieser schmale Raum dazwischen.
Zwischen dem Impuls, mich hineinfallen zu lassen in die Schwere – und dem anderen Impuls, der viel leiser ist, aber klarer, der sagt: geh weiter.
Nicht im Sinne von „Reiß dich zusammen“.
Nicht im Sinne von „Funktioniere“.
Sondern wirklich Schritt für Schritt, so klein, dass es fast unsichtbar ist, so langsam, dass es von außen vielleicht gar nicht nach Bewegung aussieht, aber innerlich genau das ist.
Und ich merke, wie wichtig es für mich ist, mich weder auf die eine noch auf die andere Seite zu stellen – weder zu sagen „alles ist nur körperlich und ich bin ausgeliefert“, noch alles zu psychologisieren und mir selbst die Verantwortung für jeden einzelnen Verlauf zuzuschieben.
Beides greift zu kurz.
Beides nimmt mir etwas.
Also bleibe ich in dieser Zwischenbewegung.
Ich sehe, was ist.
Ich spüre, was ist.
Und ich entscheide trotzdem, nicht stehen zu bleiben.
Nicht, weil ich weiß, wo es hingeht.
Nicht, weil ich sicher bin, dass es jetzt leichter wird.
Sondern weil da etwas in mir ist, das leise sagt: es geht weiter.
Und vielleicht ist genau das gerade mein „Weitergehen“ –
nicht das große Abheben, nicht der Neustart, den ich mir vorgestellt habe, sondern dieses ruhige, fast unspektakuläre Dranbleiben an mir selbst, auch dann, wenn mein Körper mich zwingt, langsamer zu werden, hinzuschauen, Pausen zu machen, die ich mir so nie freiwillig genommen hätte.
Ich gehe weiter.
Nicht gegen meinen Körper.
Sondern mit ihm.
Auch wenn ich ihn gerade nicht immer verstehe.
Freundschaft entsteht dort, wo Vertrauen und Sicherheit wachsen – ganz leise oft, fast unbemerkt – und sich irgendwann so miteinander verweben, dass ein Fallenlassen möglich wird, ohne Angst, ohne Kontrolle, einfach getragen sein im eigenen Sein.
Und genau das ist gerade meine persönliche Übung.
Nicht, meinen Körper zu überreden.
Nicht, ihn zu übergehen.
Und auch nicht, ihn zu „reparieren“.
Sondern ihn kennenzulernen, in all seinen Reaktionen, in all seinem Tempo, in all dem, was ich vielleicht noch nicht greifen kann – und trotzdem da zu bleiben.
Mit ihm.
Dieser Text ist vor allem für mich.
Damit ich mich erinnere.
Damit ich nicht wieder beginne, darüber hinwegzugehen, wenn es leiser wird.
Damit ich mir selbst nicht ausweiche, wenn es unangenehm ist.
Hier, in diesen Zeilen, halte ich mir selbst die Hand.
Nicht fest.
Aber spürbar.
Und vielleicht ist genau das der Anfang von etwas, das ich so lange gesucht habe, ohne es so zu nennen:
Eine Freundschaft mit meinem Körper,
die nicht davon abhängt, dass alles funktioniert,
sondern davon, dass ich bleibe.
Schritt für Schritt.
Atemzug für Atemzug.
Und in meinem eigenen Tempo.
Ich gehe weiter.
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