
Kennst du das, wenn der Tag eigentlich noch gar nicht begonnen hat – und du innerlich trotzdem schon mitten im Leben stehst?
Die Augen gehen auf und noch bevor du wirklich wach bist, läuft bereits etwas in dir los.
Gedanken.
Anspannung.
Ein inneres Prüfen.
Fast so, als würde dein ganzes System zuerst kontrollieren wollen, ob heute irgendwo Gefahr wartet.
Und manchmal greift man dann direkt zum Handy.
Nicht bewusst.
Eher wie ein Reflex.
Nachrichten lesen.
Antworten.
Schauen, ob irgendwo etwas offen ist.
Als würde man zuerst bei allem anderen ankommen – nur nicht bei sich selbst.
Ich kenne das seit vielen Jahren.

Nicht als kurze Phase.
Nicht als „Ich habe gerade Stress“.
Sondern als etwas, das sich tief in innere Abläufe eingeschrieben hat.
Dieses dauerhafte Mitschwingen.
Dieses innere Wachsein.
Dieses Gefühl, gleichzeitig stark wirken zu müssen und innerlich trotzdem unglaublich empfindsam zu bleiben.
Und vielleicht kennst du auch genau diesen Widerspruch:
Dass man sehr genau versteht, was in einem passiert – und trotzdem immer wieder mitten hineingerät.
Denn Wissen allein beruhigt kein Nervensystem.
Man kann Zusammenhänge verstehen.
Prägungen erkennen.
Eigene Muster benennen.
Und sich trotzdem an manchen Tagen fühlen, als würde innerlich alles gleichzeitig laut werden.
Gerade wenn Schmerzen dazukommen.
Der Bandscheibenvorfall, die dauerhafte Spannung, der Tinnitus, dieses Alarmgefühl im Körper – all das hat in mir nichts „neu“ ausgelöst.
Es hat eher sichtbar gemacht, was schon lange da war.
Nämlich wie schnell mein inneres System beginnt zu kämpfen, sobald ich mich schwach fühle.
Wie laut es in mir werden kann, wenn Unsicherheit auftaucht.
Wie tief dieses alte Bedürfnis sitzt, trotzdem weiterzumachen, trotzdem stark zu bleiben, trotzdem irgendwie alles zu halten.
Und genau darin liegt etwas, das unglaublich schwer zu erklären ist:
Man kann sich seiner Themen sehr bewusst sein – und trotzdem noch mitten im Prozess stehen.
Nicht, weil man versagt.
Nicht, weil man „es noch nicht verstanden“ hat.
Sondern weil Heilung keine gerade Linie ist.
Es ist eher wie eine Welle.
Es gibt Tage, da fühle ich mich unglaublich klar.
Verbunden.
Ruhiger.
Fast so, als hätte ich endlich wieder Boden unter den Füßen.

Und dann gibt es Momente, in denen mich eine einzige körperliche Reaktion wieder komplett emotionalisiert.
Ein Schmerz.
Ein Gedanke.
Eine Überforderung.
Und plötzlich kämpft innerlich wieder alles gleichzeitig um Sicherheit.
Kennst du das?
Dass man eigentlich weiß, dass man gerade liebevoller mit sich umgehen müsste – und genau dann innerlich am härtesten wird?
Ich kenne diese innere Stimme sehr gut.
Diese Stimme, die Druck macht, wenn ich eigentlich Halt bräuchte.
Die stärker werden will, wenn ich mich verletzlich fühle.
Die funktionieren möchte, obwohl mein ganzes System längst nach Ruhe ruft.
Und trotzdem hat sich etwas verändert.
Nicht darin, dass diese inneren Bewegungen verschwunden wären.
Sondern darin, wie ich beginne, sie wahrzunehmen.
Früher habe ich oft gegen mich gearbeitet, ohne es überhaupt zu merken.
Heute merke ich wenigstens, wenn ich mich gerade selbst verlasse.
Und das klingt kleiner, als es eigentlich ist.
Denn ich glaube, viele Menschen haben gelernt, anderen Aufmerksamkeit zu schenken – aber nicht sich selbst.
In der Transaktionsanalyse gibt es den Begriff der „Stroke Economy“.
Die Idee dahinter beschreibt, wie vorsichtig viele Menschen mit echter Anerkennung, Zuwendung und emotionaler Erlaubnis geworden sind – besonders sich selbst gegenüber.
Viele von uns geben Verständnis nach außen.
Nähe.
Geduld.
Mitgefühl.
Aber innerlich laufen ganz andere Dialoge.

„Sei nicht so empfindlich.“
„Funktionier einfach.“
„Andere schaffen das doch auch.“
„Jetzt reiß dich zusammen.“
Und irgendwann merkt man kaum noch, wie wenig liebevoll man eigentlich mit sich selbst spricht.
Vielleicht liegt genau dort ein Teil dieses langen Prozesses.
Nicht darin, endlich perfekt bei sich anzukommen.
Sondern immer wieder neu zu bemerken, wann man sich selbst gerade verliert.
Und sich dann nicht zusätzlich dafür zu verurteilen.
Das ist für mich keine schnelle Selbstliebe-Geschichte.
Keine schöne Erkenntnis mit ruhigem Ende.
Es ist eher ein ständiges Lernen.
Ein Erinnern.
Ein Wiederhinsetzen neben mich selbst, auch an den Tagen, an denen innerlich alles laut wird.
Und manchmal fühlt sich das unglaublich anstrengend an.
Denn natürlich wünsche ich mir auch Sicherheit.
Ruhe.
Vertrauen.
Dieses Gefühl, endlich einfach sein zu dürfen, ohne ständig innerlich vorbereitet zu bleiben.
Aber ich merke immer mehr:
Vielleicht entsteht Sicherheit nicht erst dann, wenn keine Angst mehr da ist.
Vielleicht entsteht sie langsam genau dort, wo ich beginne, mich selbst auch in der Angst nicht mehr alleine zu lassen.
Nicht perfekt.
Nicht dauerhaft stabil.
Nicht endgültig angekommen.
Aber bewusster.
Näher.
Und ehrlicher mit dem, was wirklich in mir passiert.

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